Kunstwerke von Klienten

Collage

„Liebe Frau Rinata,
die heutige kunsttherapeutische Stunde war aus zwei Gründen sehr angenehm: ich bin bereits mit Vorfreude auf das Basteln früher aus der Arbeit gegangen und war in einer innerlich und äußerlich lockeren, beinahe heiteren und erwartungsvollen Stimmung. Und zum Zweiten wird mein Umgang mit dem geheimnisvollen Thema durch den kunsttherapeutischen und künstlerischen Ausdruck immer positiver und die viel aufzubringende Energie zum Schutz des Geheimnisses hat sich zusehends gewandelt: sie deckt nicht zu und hält fern, sondern sie ist jene volle Batterie, die verkümmerte Potenziale so entwickelt, wie Sonne, Wasser und Erde dem Baum kräftiges und gesundes Wachstum schenken. Das Herausholen von versteckt gelebten Aspekten des Kleinstkindlichen aus der Sphäre des unterdrückten und ausgeblendeten Geheimnisses, auf dem Bild symbolisiert durch eine Windel (Pampers), Babynahrung (Hipp) und Bewegungsmonitor (Snuza), hat e n d l i c h Energie freigemacht und zu Akzeptanz und liebevoller Annahme des eigenen Selbst geführt.
Mir geht es sehr gut damit und der Heißluftballon in der Collage symbolisiert das für mich: erst das Abwerfen von Ballast lässt ihn in einen blauen Himmel aufsteigen und fliegen. Dort oben kann er auch Strömungen aufgreifen und weitere Reisen machen.
Ich bedanke mich herzlich für die heutige Stunde: die Zwiebel wurde behutsam geschält und ihr Inneres erfährt nun auch Luft und Licht.
Liebe Grüße M.B.“

Reflexion nach der Sitzung

„Liebe Frau Rinata,
die heutige kunsttherapeutische Stunde war angenehm und für mich ein weiterer großer Schritt, für den ich mich sehr bedanken möchte: der Baum auf dem Bild konnte sich endlich dauerhaft verwurzeln und seine Existenz auf dem Bild behaupten. Er hat nun die richtige Größe gefunden und ist anerkannt. Das geschmolzene Kerzenwachs, das auf dem Bild als dauerhafte Regentropfen anwesend ist, wird den Baum nähren. Das Gras ist auch an der richtigen Stelle im Bild verortet und die aufgeklebten Papierstücke harmonisch mit der abdeckenden Farbe verbunden. Das Übermalen der Fragmente der Pampers-Windel war ein heilender und zugleich reifer Schritt: Andere werden diese nicht erkennen, wenn sie das Bild anschauen. Unter der öffentlichen Bedeckung mit Farbe ist sie dennoch für mich sichtbar da. Es ist für mich (m)ein mutiger und authentischer Schritt, Emotionen und Gefühle, über kunsttherapeutisches Malen und Basteln, aus ihrer Sphäre des Geheimnisses an jenes Tageslicht zu führen, in welchem zumindest ich klar und deutlich sehe und in dem ich mich frei aufhalten möchte.
Nochmals herzlichen Dank!
Liebe Grüße M.B.“

Wovor fliehen die Menschen?

„Liebe Frau Güttlein,
Die heutige kunsttherapeutische Stunde im Bewegungsraum empfand ich als sehr angenehm und die Stimmung hatte eine federleichte, beinahe beschwingte Ausprägung. 
Bei der Arbeit an dem „Gras“-Bildausschnitt war ich ja emotional sehr gefordert: sowohl beim begleiteten kunsttherapeutischen Prozess als auch die Tage danach. Mit dem Hereinholen von Fragmenten einer Windel in den Ausschnitt fand eine emotionale Umpolung von „belastend, nachdenklich, trübsinnig“ hin zu „befreiend, hoffnungsvoll“ statt. Das Bild ist ein wenig wie ein Spiegel: man sieht sich darin an und erkennt sich. Und man nimmt Veränderungen – die die äußere Situation erfordert und die innere Motivation antreibt – an sich vor, die sich sodann im Spiegel zeigen. Ein Bild als Spiegel gibt den Moment wieder: ist dieser Moment stimmig und authentisch, so hat der Teil des Bildes seine finale Form gefunden. Ein unstimmiger Moment bedarf Überarbeitungen, um auch ihn stimmig und authentisch werden zu lassen. 
Die heutige Stunde war die kunsttherapeutische Beschäftigung mit der Fragestellung „Wovor fliehen die Menschen?“. Dazu gab es eine fast leere Seite in einem Kritzelbuch. Weil ich die Stimmung federleicht empfand, so machten sich mein Geist und mein liegender Körper (meine Hände) schnell ans Werk. Beiden brachten mit Filzstiften eine in Bewegung stehende, bunte Figur und den Schriftzug „Robot“ auf das Papier. Mein Geheimnis, das bis vor kurzem eine kompakte, fest verschlossene Zwiebel war: die kunsttherapeutischen Stunden legen laufend einzelne Schalen der Zwiebel frei. Ich nähere mich dem Kern der Zwiebel: dieses Geheimnis ist es, vor dem, ist es einmal ausgesprochen, die nahestehenden Menschen fliehen könnten. Behutsam wie beim Schälen einer Zwiebel – ohne die feinen Häutchen zu verletzen – lege ich das Geheimnis mit den Mitteln der Kreativität immer weiter offen.
Menschen fürchten sich meist vor Roboter: dabei arbeiten sie für den Menschen und wollen ihnen Gutes tun. Diese grundlegende Ablehnung lässt ein Zusammenkommen von Roboter und Menschen nicht entstehen. Mein Geheimnis ist dieser Roboter: es schafft nichts Schlechtes, dennoch würden Mitmenschen dies nicht sehen wollen. Ein Geheimnis zu bewahren kostet viel Kraft und erfordert ständige Konzentration. Ich möchte, nein ich muss, Zwiebelschale um Zwiebelschale, das Geheimnis künstlerisch darstellen. Dies bringt Leichtigkeit für mich und kann die Kraft des Zuschnürens und Abdeckens abziehen und für Öffnendes freimachen.
Ob ich die fliehenden Menschen so sein lasse, wie sie sind? Ganz am Ende der Zeichenstunde habe ich ihrer Kleidung Farbe geschenkt. Sie gehören zum Bild und ihnen gebührt eigentlich Dank dafür, dass sie so etwas wie mehrere Spiegeln und in meinem Leben präsent sind.
…da ist ein langer Text entstanden. Danke für Ihre umsichtige und professionelle Begleitung beim Schälen der Zwiebel.
Herzliche Grüße M.B.“

Gras

„Liebe Frau Güttlein, Eine Erzählung zu schreiben zum kunsttherapeutischen Thema „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, fällt mir viel, viel schwieriger als dies beim Baum und der Sonne der Fall war. Und es kommen so viele Emotionen dabei hoch. Wenn ich mich – um eine Erklärung dafür zu finden – von meinen Gefühlseindrücken leiten lasse, so ist die Sonne unangefochten und niemand macht ihr ihre Position strittig: sie thront über allem und sie positiv für alles Leben, nichts kann ohne sie sein. Der Baum wächst in die Tiefe (Erde) und in die Höhe (Himmel, Luft). Sobald sich der Baum, zu Beginn seines Wachstum, gegen Konkurrenz am Boden durchgesetzt und Stärke und Größe erlangt hat, ist er ebenfalls unangefochten. Das Gras wird niemals so hoch wachsen wie ein Baum und es wird nie so tief und stark verwurzelt sein wie ein Baum. Am Boden kämpft das Gras gegen Konkurrenz; es hat es viel schwerer als andere große Gewächse. Es kann nie aufgeben und loslassen, einfach da sein. Es ist immer gefordert. In den letzten beiden Tagen habe ich den Bildausschnitt, die zerknüllten Papierfetzen, die ich in der kunsttherapeutischen Stunde mit einigem Mühsal aufgeklebt habe, sehr häufig betrachtet. Ich habe oftmals feuchte Augen bekommen und war traurig, als ich meine Kleinstkindheit darin sah. Es tat weh, so wie es war. Und ich konnte es nicht so sein lassen, zu weh tat der Blick. Ich habe eine Pampers-Windel genommen und Teile daraus ausgeschnitten und auf das Bild geklebt. Das hat einen fehlenden Mosaikstein sichtbar gemacht und der Kleinstkindheit, an der wie am Gras gezogen wurde und die starke Konkurrenz (Geschwister) hatte, einen Ausdruck gegeben. Mit einem weit weniger traurigen und mutigem Blick sehe ich auf das Bild und mit mehr verständnisvoller Liebe begegnen meine Augen den ersten Jahren meiner Kindheit. Und das Schreiben darüber fühlt sich gut an. Und jetzt, da der Bildausschnitt ganz und stimmig ist, kann er mit Acrylfarbe bemalt werden und einen unverrückbaren Platz auf dem Bild bekommen. Ich dachte zu Beginn nicht, dass ich das alles so verbalisieren könnte. Das Weinen hat meinen Blick klar gemacht. Und ich habe mit dem klaren Blick noch etwas Wichtiges auf dem Bild ergänzt. Die Erzählung ist recht lang geworden, weil sie an einem entscheidenden Punkt meines Lebens angesetzt hat. Das fühle ich und das hat sich, für mich, herauskristallisiert. Liebe Grüße  M.B.“

Sonne

„Über das Malen des Bildes habe ich begriffen, dass kunsttherapeutisches Malen Zeit braucht, um Stimmungen und Gefühle, die beim konkreten Malen auf dem Weg der Entstehung eines Kunstwerks auftreten, in ein Bild einschreiben zu können. Die gelbe Sonne war von Beginn an zwar da, jedoch stand sie verloren auf dem Bild und fand keine Beziehung zu ihrer Umgebung. Während andere Formen auf dem Bild wieder verschwanden, weil andere gemalte Stimmungen und Gefühle sie überlagerten und zudeckten, so war die Sonne davon nie betroffen. Beim letzten Malen wuchs die kleine Sonne über ihre viel größeren Strahlenringe nach außen: nicht sie selber wächst als konkreter Körper, sie wird größer über das, wie sie ihr Wesen – Wärme und Licht – auf ihr Umgebendes ausdehnt und es zugleich prägt und formt. Die Sonne steht gefühlt für etwas aus der frühen Kindheit, das auf das Leben ausstrahlt. Was das ist, kann ich heute noch nicht erfassen und fassen. Der weitere kreative Weg wird mich vielleicht dazu etwas finden und bestimmen lassen.“ M.B.

Ich als Baum. Bewegung. Malen. Reflektieren

„Die Natur und insbesondere die Fauna, so denke ich, macht sich keine Gedanken darüber, wann sie die Bühne des Lebens betritt: ein trockener Same eines Baumes trägt immer schon das Keimen und Wachsen als eine mögliche Zukunft in sich. Treffen Wasser, Licht und Wärme auf den Samen und findet er eine gute Erde vor, so begründen diese – zusammen – das Wachsen und damit seine Zukunft. Als dieser unbelebte Baumsamen sah und fühlte ich mich am Anfang der Therapiestunde. Die Aufgabe lautete: „Ich als Baum“. Zuerst war die Erde da: auf dem Boden liegend malte ich erste Striche, ohne Beziehung zueinander. So sah es zumindest von unten aus. Die Wärme und das Licht ließen mich als Mensch aufstehen und das Bild von oben betrachten. Das Kreative, das zu Beginn angesichts einer weißen Papiertapete wenig Impuls vorfand, wuchs sprunghaft an: es verdichtete die einzelnen Striche, setzte sie in Beziehung zueinander und gab dem, was als zufällige Anordnung schien, eine Bestimmung und Bedeutung. Malen im Liegen, Aufstehen, Herumgehen und Zurückkehren, wieder Hinlegen, und das mehrmals: Kreativität und Bewegung wuchsen aneinander und nährten einander.
Ich sehe den Ursprung und die Zukunft auf meinem Bild und erkenne mich darin wieder. Mit der gleichen Liebe, mit der ich Bäume ansehe, kann ich nun mein Bild ansehen und möchte fördernder Gärtner und Förster meines eigenen Lebens sein.“ M.B.

baum